Poetische Werke von Adam Mickiewicz

„Pan Thaddäus“





Adam Mickiewicz


Adam Bernhard Mickiewicz (1798-1855) ist „der“ polnische Nationaldichter. Wer gegenüber einem Polen den Titel seines großen Versepos „Pan Tadeusz“, zu deutsch „Herr Thaddäus“ erwähnt, wird sich in der Regel die, in der Schule auswendig gelernten ersten Zeilen des Werkes anhören können. Das geschieht dann nicht nur mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man früher bei uns aus Goethes „Faust“ oder aus Schillers „Glocke“ zitiert hat. Nein! Bis heute schwingt beim Vortragen dieser Zeilen ein Ton von Begeisterung und Sehnsucht nach Freiheit mit. Manch ein Zitierender verwandelt sich für kurze Zeit in einen der eigensinnigen, bärtigen „Schlachtizen“ der alten polnischen Adelsrepublik.
Obwohl Mickiewicz Sicht von Nation und Welt die eines glühenden Patrioten einer unterdrückten Nation des 19. Jahrhunderts waren und in unserer Zeit manch Unverständnis auslösen mögen, so ist sein Ansehen bei Jung und Alt in Polen bis heute hoch. Das sein Epos ausgerechnet im heute unabhängigen Litauen spielt ist zwar Ironie der Geschichte, löst aber nur da Verwunderung aus, wo man die wechselhafte Geschichte Polens, dieses oft unbekannten großen Nachbarn der Deutschen, nicht kennt.
Umso mehr wundert es, dass Mickiewicz Name heute, in einer Zeit des zusammenwachsenden Europas und großer Polen-Begeisterung in Deutschland zwar nicht vergessen ist, aber kaum Übersetzungen von ihm vorliegen.
Insbesondere der „Pan Thaddäus“ wird von vielen schmerzlich vermisst, obwohl schon früh nach dem Erscheinen 1834 die ersten Übertragung ins Deutsche vorlag, der zahlreiche Übersetzungen bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts folgten. Die nach Expertenmeinung wohl gelungenste poetische und inhaltliche Übertragung stammt von Siegfried Lipiner. Ihr Text liegt hier vor und stammt aus einer bibliophil besonders gelungenen Ausgabe von 1872.
Wer den Pan Thaddäus ließt, der wird nicht nur das Denken und Fühlen der Polen besser verstehen und sich in wunderschöne literarische Beschreibungen von Natur und Menschen, von Landschaften und vergangenen Zeiten vertiefen. Der Leser erlebt auch eine, zu Herzen gehende, an Abenteuern reiche Geschichte, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat.

Der besondere Dank gilt Manfred Mack vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt, ohne dessen sachkundigen Hinweise diese Veröffentlichung nicht möglich gewesen wäre.

Die Erfassung übernahm genau und liebevoll Irmgard Neumann.

Olaf Lezinsky, Berlin



Leseprobe - Erster Gesang

Die Wirtschaft.

Rückkehr des jungen Herrn. Die erste Begegnung im Stübchen, die zweite bei Tische. Des Richters wichtige Lehre von der Artigkeit. Des Kämmerers politische Bemerkung über Moden. Beginn des Zwistes um Mutz und Falk. Die Klagen des Wojski. Der letzte Gerichtsfron. Ein Blick auf die damalige politische Lage Litauens und Europas .

Litauen! Wie die Gesundheit bist du, mein Vaterland!
Wer dich noch nie verloren, der hat dich nicht erkannt.
In Deiner ganzen Schönheit prangst du heut' vor mir,
So will ich von dir singen, - denn mich verlangt nach dir!

O heil'ge Jungfrau, Czenstochowas Schirm und Schild ,
Leuchte der Ostrabrama! Du, deren Gnadenbild
Schloss Nowogrodek und sein treues Volk bewacht:
Wie mich, als Kind, dein Wunder einst gesund gemacht,
Als von der weinenden Mutter in deinen Schutz gegeben,
Ich das erstorb'ne Auge erhob zu neuem Leben,
Und konnte gleich zu Fuß in deine Tempel geh'n,
Gerettet, Gott zu danken fürs Heil, das mir gescheh'n:
So wird zum Schoß der Heimat dein Wunder uns wiederbringen!
Indessen trage du mir der sehnenden Seele Schwingen
Zu jenen waldigen Hügeln, zu jenen grünen Auen,
Die weit und breit sich dehnen am Niemenstrom, dem blauen, -

Zu jenen Feldern, prangend voll bunter Ähren und Garben,
Wo goldig strahlt der Weizen, der Roggen silberfarben,
Rübsamen bernsteinhell, Buchweizen schneeig blüht,
In jungfräulichem Rot der durstige Quendel glüht,
Und, wie ein Band, durch Alles der grüne Rain sich schmiegt,
Drauf da und dort ein Birnbaum still die Krone wiegt.

Auf einem Hügel erhob sich mitten in solchem Land,
Von Birkengehölz umgeben, an eines Bächlein Rand,
Ein Herrenhaus, - von Holz, der Unterstock von Stein;
Es leuchten von Ferne die Wände weiß und rein,
Das Weiß vom dunklen Grün der Pappeln noch gehoben,
Die ihm zum Schutze dienen vor des Herbstwinds Toben;
Ein wohnlich saub'res Haus, wenn auch von mäßiger Größe,
Hat eine große Scheuer, und drei Getreidestöße
Liegen noch neben ihr – die fasste der Söller nicht mehr.
Man sieht wohl, reichgesegnet ist das Land umher.
Der Garben Zahl auch, die weit und breit auf dem Gelänge,
Wie Sterne, dicht erglänzen, und auch der Pflüge Menge,
Die sich schon zeitig auf dem mächtigen Brachfeld zeigen,
Dem schwarzscholligen, (sicher derselben Herrschaft eigen
Und wohl bestellt, es sieht wie Gartenbeete aus -)
Das alles zeigt, dass Fülle und Ordnung herrscht im Haus;
Das Tor ist weit geöffnet und sagt dem Wand'rer an,
Dass freundlichen Empfang der Gast gewärtigen kann.
.....

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